Future of Food Konferenz

Presseartikel vom 13.05.2019 der Universität Witten/Herdecke

Kontroverse Meinungen prallen beim Thema Ernährung aufeinander

Die erste Future of Food-Konferenz in Witten fand Anfang Mai statt.

Einen ganzen Tag lang hatte sich das Organisationsteam des EZW der ersten Future of Food-Konferenz am 2. Mai 2019 an der Universität Witten/Herdecke (UW/H) eingeräumt, um über die Zukunft der Ernährung zu sprechen. Der großzügige zeitliche Rahmen sollte sich lohnen, denn es gab enormen Bedarf an Austausch. Das Fazit des Tages: So unterschiedlich die Ernährung sein kann, so vielfältig wird auch ihre Zukunft von unterschiedlichen Interessensgruppen gesehen – nicht immer ganz konfliktfrei.

„Welche Rolle spielt Ernährung für die globale Entwicklung unserer Welt?“ Mit dieser großen Frage leitete Professor Erik Strauß, Initiator der Veranstaltung, die Future of Food-Konferenz ein. „Wer hätte vor 100 Jahren gedacht, dass Ernährung so eine wesentliche Rolle für unsere gesamte Bevölkerung spielt? Es steckt eine riesige und sehr differenziert ausgerichtete Industrie dahinter. Deshalb ist die Arbeit nicht immer konfliktfrei miteinander vereinbar.“ Um die Komplexität des gesamten Systems zu verstehen, sei es wichtig, Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven zusammenzubringen, so Strauß. Und das gelang dem Organisationsteam des Entrepreneurship Zentrum Witten der UW/H vollends: Die Referierenden vertraten zum Teil völlig unterschiedliche Standpunkte, wenn es um die Themen Ernährung, Umwelt und Landwirtschaft ging.

Als erste Gastreferentin eröffnete Ema Simurda, Gründerin von GoodBank – dem ersten „vertical-farm-to-table-restaurant“ weltweit – die kontroverse Diskussionsrunde. Am Beispiel ihres eigenen Unternehmens zeigte sie auf, dass neue Technologien, wie z. B. vertical farming, genutzt werden können, um in Großstädten wie Berlin nicht nur frisches Gemüse anzubauen, sondern auch Transportkosten und Emissionen einzusparen. Diese Art der Nahrungsmittelproduktion ermöglicht eine nachhaltige Verbesserung der Ernährung in einer immer stärker urbanisierten Gesellschaft.

Mehr Menschen, mehr Nahrung, mehr Pflanzenschutz?

Als weiterer Gastreferent war Dr. Helmut Schramm von der Bayer Crop Science Deutschland ins Audimax der Uni Witten/Herdecke gekommen. Er bezog gleich zu Beginn seines Vortrags klar Stellung. Sein Vortrag, der sich vor allem mit der Herausforderung einer wachsenden Weltbevölkerung für die Landwirtschaft beschäftigte, verdeutlichte seine Ansicht, warum der Einsatz von Pflanzenschutzmittel in der Landwirtschaft unbedingt notwendig sei.

Einen absoluten Gegenentwurf präsentierte hingegen Nikolai Fuchs aus dem Vorstand der GLS Treuhand. Doch zunächst hatte Schramm das Wort – und das Bild. Seine Präsentation zeigte zerstörte Pflanzen mit Schädlingen bestückt, die „bösartig zuschlagen“ und ganze Landstriche vernichten würden. Der Kartoffelkäfer beispielsweise sei für die Ausrottung vieler Millionen Menschen verantwortlich. Noch bevor sich Personen aus dem Publikum zu Wort meldeten, fügte Schramm hinzu: „Dank modernem Pflanzenschutz gehört das alles zum Glück der Vergangenheit an.“ Aber auch stellte Schramm weiter klar: Immer mehr Menschen leben auf dem Planeten, diese benötigen entsprechend mehr Nahrung – dazu gehöre auch der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. Klimaveränderungen würden zudem zum Existenzminimum der Landwirte führen, wie die Hitzedürre in 2018 deutlich mache. Auch Nikolai Fuchs würdigte zunächst die Leistung der Industrie, die in der Vergangenheit zur Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung beigetragen hätte, gleichzeitig reklamierte er jedoch, dass eben diese „Agrar-Industrialisierung“ nicht pauschal erfolgreich gewesen sei, weil die wirklich Bedürftigen auf der Welt dieses System nicht erreicht hätte. „Im Gegenteil: Die meisten Hungernden kommen aus ländlichen Regionen. Und zwar aus den Regionen, in denen für den Export produziert wird“, machte Fuchs energisch deutlich. Auch würde die gegenwärtige industrielle Landwirtschaft dem Klimawandel nichts entgegensetzen, sondern ihn sogar verschärfen – und das auch mit allen negativen Effekten für die Landwirtschaft selbst.

Die Modernisierung der Landwirtschaft

Udo Hemmerling, Stellvertretender Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes, teilte als weiterer Redner seine Sicht auf die Ernährung der Zukunft mit. Er sprach sich beispielweise für die Digitalisierung aus und betonte den extremen finanziellen Nutzen für die Landwirtschaft. Ein weiterer Trend sei die Bio-Technologie, also die Gentechnik. „Mit den neuen Züchtungstechnologien, Stichwort Genschere, kommen wir in eine Diskussion, wo innerhalb der Art manipuliert wird.  Das ist technisch betrachtet nichts anderes als eine klassische Züchtung.“ Hemmerling kritisierte die „Individualisierung der Ernährung“ und betonte den Schaden für den Einzelhandel: „Jeder Kunde will etwas Anderes. Da von einer Massenproduktion zu einer Individualisierung zu kommen, ist vor allem ein logistisches Problem.“ Es gäbe mit den großen Supermarktketten eine durchoptimierte Logistik.  Ausdifferenzierte Ernährungswünsche können aus seiner Sicht nur schwer zu vertretbaren Kosten in die Ladentheken gelangen.

„Was können wir in Zukunft besser machen?“

Visionen und Probleme wurde aufgezeigt. Das Publikum forderte nun Handlungsempfehlungen: „Was können wir in Zukunft besser machen?“ Auch Professor Strauß machte deutlich: „Mir ist es wichtig, dass wir heute nicht nur über Probleme sprechen. Wir wollen den Austausch fördern und Think Tank für Meinungen und Impulse sein. Jeder kann und sollte weiter für seine Sache eintreten, denn wir brauchen sie alle. Der Dialog darf dabei aber nicht ausbleiben. Nur so kommen Kompromisse und Lösungen zustande. Außerdem ist es mir wichtig, dass wir diese Veranstaltung mit einigen Thesen abschließen, wie die Zukunft unserer Ernährung aussehen kann.“ Folgende Visionen formulierten die Referierenden in einer Abschlussrunde. In Auszügen:

Dr. Helmut Schramm / Bayer CropScience Deutschland:
„Die Landwirtschaft wird vielfältiger werden und wir brauchen durch Züchtung ertragreiche Sorten. Es ist wichtig, dass wir durch Züchtung wieder mehr Vielfalt in die Landwirtschaft bekommen. Zudem sollten wir versuchen, den Verbraucher aufzuklären. Mit Aufklärung und Bildung kann man nicht früh genug anfangen.“

Ema Simurda / Founderin GOOD BANK:
„Man muss das Thema Ernährung ansprechender machen. Man muss es manifestieren. Auch in der Bildung. Die Frage ‚Wie entsteht überhaupt Essen?‘ wird einfach ausgeblendet. Ich bin dafür, wieder Hauswirtschaft einzuführen.“

Udo Hemmerling /Stellvertretender Generalsekretär Deutscher Bauernverband:
„Nach solchen Diskussionen sind Verbraucherinnen und Verbraucher oft verwirrter als vorher. Sie fragen sich ‚Was soll ich denn jetzt machen?‘ Wir brauchen mehr Orientierungsmöglichkeiten für die Verbraucher, die allgemein akzeptiert sind. Und wir brauchen Bezahlmodelle. Wir müssen in der Wertschöpfungskette darauf achten, dass am Ende beim Landwirt auch etwas ankommt und nicht in der Logistik verschwindet.

Nikolai Fuchs / Vorstand GLS Treuhand:
Ich wünsche mir eine Landwirtschaft, die im Wesentlichen sonnengetrieben ist. Eine Landwirtschaft, die nicht nur Agrar-Ressourcen erhält, sondern aufbaut. Eine Landwirtschaft, die Boden und Saatgut als Gemeingut begreift. Kosten für Fleischproduktion sollten auch tatsächlich in die Fleischpreise eingerechnet werden. Zudem sollte regional erste Wahl sein. Wir benötigen einen neuen Gesellschaftsvertrag im Sinne einer solidarischen Landwirtschaft. Ich wünsche mir eine Agrar-Industrie, die viel mehr auf die Biologika und vor allem auf Pflanzenstärkungsmittel setzt. Auch wenn sie damit groß geworden ist, muss sie nicht im 21. Jahrhundert nur Gifte produzieren.“

Abschließend hob Prof. Strauß hervor, dass die Konferenz neben allen Differenzen auch deutlich gemacht hätte, dass es Gemeinsamkeiten gebe, auf der die Future of Food aufgebaut werden kann. Deshalb freue sich das Organisationsteam des Entrepreneurship Zentrum Witten der UW/H auf die Fortsetzung des Dialoges und die nächste Konferenz.

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